Überlegungen von Stefan Neussl zum Weisenblasen


Innerhalb der vielen Formen unserer alpenländischen Volksmusik erfreut sich die – relativ junge – Disziplin des Weisenblasens ständig steigender Beliebtheit.

Weisenblasen ist gleichsam „modern“, wenn man diesen Begriff überhaupt in Zusammenhang mit echter Volksmusik verwenden möchte. Noch nie haben sich so viele Bläser mit dieser Disziplin innerhalb unserer alpenländischen Volksmusik beschäftigt und auseinandergesetzt.

Besonderes Interesse wird dem Weisenblasen aus dem Bereich der Blasmusik entgegengebracht. Zahlreiche Kapellmeister wissen bereits um den Wert des Musizierens in Weisenbläserform und fördern diese Art des Spiels in kleinen Gruppen innerhalb ihrer musikalischen Reihen.

Grundvoraussetzungen für ein stimmiges Musizieren als Weisenbläser, vom Flügelhornduo bis zum vierstimmigen Bläsersatz, sind guter Ansatz, solide Tonbildung und Tonkultur, sichere und präzise Ansprache, Intonations-Sicherheit, und – als wichtigstes Element – das „Gespür“ füreinander. Gemeinsames phrasieren und atmen – möglichst nahe am Vorbild des Volksliedes, das gerade geblasen wird – sind Ausdruck dieses Miteinanders und lassen dann eine Weis’ wie „aus einem Guss“ klingen. Ein zu starres Festhalten an den notierten Notenwerten ist genauso hinderlich wie eine zu scharfe bzw. harte Tonansprache – gefragt ist gleichsam ein „Rubato-Cantabile-Stil“.

Nicht jedes Lied eignet sich, als Weis’ geblasen zu werden, und nicht um jeden musikalischen Preis muss es von jedem alpenländischen Volkslied auch eine Fassung für Weisenbläser geben. Neuschöpfungen („Bläserweisen“) tun gut daran, sich an Phrasierung und Akkordwelt unseres überlieferten Liedgutes zu orientieren. Kein Volksliedsänger würde beispielsweise auf die Idee kommen, acht- oder noch mehrtaktiger zu phrasieren; und nur weil wir Bläser – allesamt mit guter Ausbildung ausgestattet – dazu in der Lage sind, heißt das noch lange nicht, dass das beim Weisenblasen auch gattungstypisch ist. Schön ist eben, in Anlehnung an ein Wort Goethes, nicht nur was gefällt, sondern was sich auch geziemet.

Hinsichtlich der Verwendung der Tonarten ist festzuhalten, dass bekanntlich b-Tonarten eher dunkel, #-Tonarten eher hell und strahlend klingen. In den #-Tonarten ergibt sich, zumeist in der 2. Stimme des vierstimmigen Satzes, das Problem, dass d1 und cis1 auf nahezu allen Flügelhörnern viel zu hoch sind, und so sauberes Intonieren eher schwierig wird.

Der vierstimmige Satz für Weisenbläser ist am treffendsten mit dem Eigenschaftswort „dicht“ zu beschreiben, das heißt die drei oberen Stimmen werden so lange als möglich in enger Lage, gleichsam dicht beieinander, geführt; das sichert in der Regel einen guten Gesamtklang und erleichtert eine saubere Intonation. Die Tuba bewegt sich im Rahmen der kleinen und großen Oktave und liefert das musikalische Fundament.

Der Satz ist – wiederum in Anlehnung an das Vorbild des Volksliedes – bewusst schlicht gehalten, Akkordumkehrungen und Dissonanzen werden sparsam verwendet. Eine besondere „Farbe“ bringt eventuell die Akkorderweiterung der fünften Stufe zur Non (V7/9).

Im vierstimmigen Satz spielen idealerweise zwei Flügelhörner, Ventilposaune und eine Tuba in F oder B. Herrscht hinsichtlich der Verwendung von Flügelhörnern noch völlige Übereinstimmung, so scheiden sich an der derzeit etwas „altmodisch“ erscheinenden Ventilposaune jedoch die Geister. Gerne wird sie durch ein Tenorhorn, ev. auch durch eine moderne Zugposaune ersetzt. Denkt man aber an die Funktion dieser dritten Stimme, so ist festzuhalten, dass sie niemals eine Hauptstimme ist, zumeist hat sie eine dienende, füllende Funktion. Und diese kann durch die etwas gedeckt klingende, eng mensurierte Ventilposaune weit besser wahr genommen werden als durch eine moderne, massiv klingende Zugposaune, oder ein eher breit klingendes Tenorhorn. Durch die Verwendung eines Tenorhorns/einer Zugposaune auf der 3. Stimme verschiebt sich das Klanggleichgewicht zu ungunsten der Hauptstimme spielenden Flügelhörner und beeinflusst so den Gesamtklang.

Hinsichtlich der Spielweise wurde schon die Art des Spielens in „rubato-cantabile“ Manier besprochen; ein paar Bemerkungen zur Verwendung des Vibrato sollen noch folgen.

Wenn wir davon ausgehen, dass wir beim Weisenblasen dem Vorbild des Volksliedsingens nacheifern, so versteht sich die Verwendung eines kultivierten Vibratos von selbst. Eine völlig gerade, ohne jedes Timbre gefärbte Stimme klingt schnell kalt und leblos; selbiges gilt für die Tongebung des Blechbläsers im allgemeinen und für das Weisenblasen im besonderen. Ein Vibrato, das dem Wunsch zur Gestaltung entspringt, ist für Weisenbläser geradezu ein Qualitätsmerkmal. Und im Idealfall gleichen alle vier Bläser die Schwingungsfrequenz ihres persönlichen Vibratos einander an.

Abschließend bleibt noch auf den – betrüblichen – Umstand hinzuweisen, dass das einzige Vorbild des Weisenblasens, nämlich das Volksliedsingen von der positiven Entwicklung des Weisenblasens nicht in gleicher Weise zu profitieren vermochte.

Stefan Neussl